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Abitur 2015

Die kognitive Repräsentation von Schülertypen bei einem Jahrgangsleiter – Abiturrede 2015 von Wilhelm Heim

Begrüßung

Auch ich möchte mich in die Begrüßung einreihen und begrüße herzlich meine Abiturienten, alle Eltern, meine Kollegen und alle sonstigen Gäste an diesen wichtigen Tag am Gymnasium Mellendorf.

Für alle diejenigen Gäste, die mich noch nicht kennen, möchte ich mich kurz vorstellen: Mein Name ist Wilhelm Heim, wohne in der Wedemark, bin der Jahrgangsleiter dieses Abiturjahrgangs und habe die Schüler in den letzten drei Jahren etwas begleitet.

Entstehungsgeschichte der Rede

Ich habe an anderer Stelle schon einmal betont, dass ihr der Jahrgang seid, den man nie vergisst. Aber keine Angst, ich habe heute weder eine Parodie noch eine blonde Perücke mitgebracht. Vielleicht bin ich etwas atemlos – denn ihr seid mein erster Jahrgang und dies ist meine erste Abiturrede. Natürlich habe ich bei Herrn Schwarz immer über die Schulter geschaut, aber die letzten drei Jahre gab es viele Aspekte, die für mich totales Neuland waren. Aber welche Aufgaben hatte ich damals eigentlich konkret zu erwarten?

Dazu möchte ich aus dem entsprechenden Erlass des niedersächsischen Kultusministeriums zitieren:

Auf der Grundlage eines schuleigenen Geschäftsverteilungsplans obliegen den Studiendirektorinnen und Studiendirektoren insbesondere folgende schulfachliche und pädagogische Aufgaben:

2. Koordinierung der gymnasialen Oberstufe

Klingt gut, aber für mich als angehenden Jahrgangsleiter ziemlich inhaltsleer. Laut des Geschäftsverteilungsplanes der Schulleitung war ich nun euer Jahrgangsleiter, der euch zu koordinieren hatte: Planung und Organisation der Wahlen Eurer Kurse für die Q-Phase, zeitgleiche Beratung für die Wahlen, Durchführung von pädagogischen Dienstbesprechungen zu eurem Leistungsstand, das Einsammeln der Notenzettel von den Lehrern und schließlich das Drucken von Semesterzeugnissen – bis hin zur Erstellung von Prüfungsplänen der mündlichen Prüfungen – und schließlich das Drucken der Zeugnisse, die ihr heute von uns überreicht bekommt. Aber es gab auch einige Tätigkeiten, die eher unerwartet auf mich zukamen:

  • Im Laufe des letzten Jahres betätigte ich mich als Verwalter diverser Gebrauchsgegenstände: Zunächst Pappteller, Tassen und ähnliches für das Jahrgangskonzert, schließlich kamen USB-Sticks und in Klassenräumen vergessene Mappen, am Ende sogar eine Brille hinzu.
  • Ich musste zu Beginn der schriftlichen Abiturprüfung im Fach Geschichte Pflaster holen, weil sich Ronja auf dem Weg zur Prüfung mit Glasscherben in die Hand schnitt.
  • Ich musste Yannik an einem Donnerstagmorgen tröstend wieder nach Hause schicken, weil er einen Tag zu früh zur Abiturklausur Chemie erschienen war.
  • Ich war Seelentröster und Psychotherapeut für einen ganzen Jahrgang, der nicht auf Studienfahrt gehen konnte, weil er ohne eigenes Verschulden in einen „Arbeitskampf“ geraten war.
  • Zur Halbzeit war ich ein atemloser Parodist, der vor seinem Auftritt mächtig Lampenfieber hatte.
  • Manchmal auch Strategieberater, wenn ich mit einigen von Euch beraten habe, wie man doch noch zum Abitur kommt, ohne nochmals über Los zu müssen.

Diese Arbeit war mühsam, manchmal sehr ernüchternd, aber ich habe sie mit Lust und Energie gemacht. Ich hatte echt auch Spaß! Insofern hattet ihr wirklich einen „Heimvorteil“. Aber manchmal war auch ich nicht ganz einfach – wie ich mancher Spitzfindigkeit in der Abizeitung entnehmen konnte

Ihr musstet mit meiner Unpünktlichkeit leben, mit meinem unaufgeräumten Schreibtisch, ihr musstet Euch Horrorgeschichten von meinem Hausbau in Bissendorf-Wietze anhören – und für die zu ändernden Zeugnisse habe ich meist mehrere Wochen benötigt. Ihr wart verständnisvoll und sehr häufig voller Mitgefühl – ganz besonders was den Hausbau betraf. Dafür möchte ich Euch heute danken.

Aber nun möchte ich zu Euch kommen: Der Jahrgang, den ich nie vergesse …

Ihr wisst, dass man eine Charakterisierung – also die nähere Beschreibung der einzelnen Charaktere (in diesem Falle der Schüler) einer Erzählung (in diesem Falle: Abiturjahrgang 2015) – systematisch und strukturiert angehen muss. Ich möchte also versuchen, die wesentlichen Charaktereigenschaften des Jahrgangs mittels einer Typologisierung herauszuarbeiten.

Auf meiner Recherche bin ich auf folgenden wissenschaftlichen Aufsatz von Thomas Hörstermann gestoßen:

„Die kognitive Repräsentation von Schülertypen bei angehenden Lehrkräften - Eine typologische Analyse“

Hörstermann vom Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung hat 82 Lehramtsstudenten Typen von Schülern und deren charakterisierende Eigenschaften nennen lassen. Die Existenz dieser Schülertypen wird im Hinblick auf die Lehrerausbildung stark diskutiert. Warum? Ohne die Vor- und Nachteile einer Kategorisierung von Schüler zu erörtern möchte ich aber die zentrale These Hörstermann u.a. zitieren: „Lehrkräfte bzw. Jahrgangsleiter sind in ihrer pädagogischen Tätigkeit darauf angewiesen, Wissen über ihre Schüler zu erwerben und unterrichts- sowie jahrgangsrelevante Informationen über ihre Schüler wahrzunehmen: Die Gewinnung diagnostischer Informationen ist eine Voraussetzung für die Arbeit der Lehrperson. Er kann nur dann pädagogisch sinnvoll handeln und effektiv unterrichten, wenn er seine Schüler kennt.“

Grundsätzlich konnten in dieser Untersuchung einige Stereotype von 1981 bestätigt werden, die ich ausgewählt  und anwendungsorientiert sogleich teilweise auf Euch beziehen möchte:

(a) der Jahrgangsprimus (2x vorhanden), der intelligent und fleißig ist, sehr gute Noten erhält (1,0) und Initiative zeigt,

(b) der Arbeiter, der hohe Begabung, Anstrengung und Disziplin aufweist, jedoch sozial etwas zurückhaltend ist

(c) der extrovertierte Schüler, der bei durchschnittlicher Begabung hohe soziale Aktivität und schlechtes Arbeitsverhalten, geringe Disziplin aber eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber Lehrkräften aufweist: „Hr. Heim, muss das sein? Ich habe dazu keine Lust, ich kann das schon. ODER einfach nur: Herr Heim, Sie sind doof!“

(d) der introvertiert-sensible Schüler, der recht diszipliniert, in seinem Verhalten jedoch verschlossen, schüchtern und ruhig ist

(e) der überhaupt nicht in diesem Jahrgang zu finden ist: der schlechte Schüler, der durch mangelnde Begabung und Interesse, schlechtes Arbeitsverhalten und mangelnde soziale Aktivität charakterisiert ist.

 

Ich möchte diesen doch sehr allgemeingültigen Typen noch weitere sehr spezielle, empirisch von mir nachweisbar, hinzufügen: Ich bitte Sie – nicht alles ernst sondern mit einem Schmunzeln entgegen zu nehmen!

  • Die druckerlose Schülerin, die – wenn sie ein Referat bei Herrn Schwarz hatte, bei Nichtanwesenheit dessen ins Büro geschlichen kommt und fragt: Herr Heim, können Sie mir das mal ausdrucken?
  • Der iServ-Email-resistente Schüler: Er empört sich immer wieder mit: „Email, Herr Heim – welche Email!“
  • Der Zuspät-Kommer, den ich grundsätzlich um 8.23h mit einem Fahrradhelm noch vor dem Vertretungsplanmonitor getroffen habe.
  • Den Rewe-Gänger, der voll bepackt mit französischem Baguette, Kräuterquark oder auch rustikal mit Hackbällchen um 14.10h zum Werte und Normen Unterricht erscheint.
  • Dieser Typus führt mich zu dem von mir geschätzten großzügigem Schülertypus, der den knurrenden Magen seines Jahrgangsleiters antizipiert und ein zweites Päckchen Hackbällchen für selbigen mitgebracht hat:  Vielen Dank Jan Halberstadt und Co.
  • Der nachsichtige Schüler: Er füllt ein Formular nochmals geduldig aus, wenn es sich auf dem unaufgeräumten Schreibtisch des chaotischen Jahrgangsleiter offenbar aus unerklärlichen Gründen aufgelöst zu haben scheint.
  • Dazu gesellt sich der umsichtige Schüler: Völlig uneigennützig und in Erwartung eines Methodenfeuerwerks fragt er mich, wenn ich bereits 5 Minuten zu spät bin: Herr Heim, haben Sie nicht etwas in ihrem Büro vergessen? Dann holen Sie es am besten gleich: Wir haben Zeit!
  • Beeindruckt hat mich der Schweigertyp: Er fällt durch einen konfuzianistisch angehauchten Beteiligungsstil auf, der fast jeden Lehrer in eine Bewertungsverlegenheit bringt. 50% der Schweiger wissen nämlich fast alles, sagen aber nichts. Das führte mich häufiger in ein typisches Jahrgangsleitergespräch mit Kollegen: Mensch, Wilhelm, ich weiß wirklich nicht, was ich dem geben soll: Der schreibt immer 12 Punkte und (Pause) sagt aber nichts …
  • Gerettet hat mich immer mal wieder der hilfsbereite, ja ich möchte sogar sagen, kantianisch beeinflusste Schüler:  So kam es vor, dass am Tag vor dem Neujahrsempfang oder vor der Abiturentlassungsfeier im letzten Jahr den Jahrgang eine HILFE-HILFE-HILFE-Email des Jahrgangsleiters erreichte. Völlig uneigennützig, solidarisch und mit Jahrgangsleiterempathie ausgestattet, war dieser Schülertypus immer dann zur Stelle, wenn man ihn brauchte. Ich möchte mich an dieser Stelle bei denen aus dem Jahrgang bedanken, die mir (und Fr. Drews) in diesen Situationen kurzfristig zur Seite standen.
  • Dem gegenüber stand der Multioptionsschüler: Grundsätzlich hedonistisch und utilitaristisch eingestellt, globalisiert denkend und mit einen Schuss Egoismus angereichert, möchte sich dieser Schülertyp immer alle Optionen offenhalten. Häufigste Äußerung: Herr Heim, können Sie für mich nicht einmal eine Ausnahme machen?! Bloß keine Entscheidung zu früh treffen, möglichst alles gleichzeitig machen: Im Urlaub sein und - ich überspitze an dieser Stelle ganz bewusst - die Abiturnoten möglichst per WhatsApp zugestellt bekommen. Diesem Schülertypus stehe ich sehr streng gegenüber: Nicht alles, was man im Leben möchte, bekommt man auch.

Mit diesen sehr unnachsichtigen Worten möchte ich zum Ende kommen.

Ich habe eine gewisse kleine Träne im Auge. Aber ich bin stolz darauf, dass wir am Gymnasium Mellendorf einiges zu diesem Tag beigetragen haben und – davon bin ich überzeugt - euch ein bisschen auf die Wege vorbereitet haben, die euch nach dem Abitur erwarten. Und so möchte ich schließen mit den Worten des Philosophen William James einem Vertreter des amerikanischen Pragmatismus:  

„Wir wissen nicht sicher, ob es überhaupt einen rechten Weg gibt. Was sollen wir tun? Stark und guten Mutes sein. Zum Besten handeln, das Beste hoffen und nehmen, was kommt. „

Wilhelm Heim

 

Abitur 2014

Ein Abschied ist auch ein Neuanfang... Das Abitur ist auf jeden Fall das Ende eines langen Lebensabschnittes und der Beginn eines Neuen. Das will erst einmal verstanden und verarbeitet sein! Übrigens nicht nur von Schülern und Eltern, sondern auch von Lehrern...

Daher wird am GM das Abitur jedes Jahr ausgiebig gefeiert - mit Abiparty, Abizeitung, Abigottesdienst, Abistreich, Abiball, Abientlassung. Hier finden Sie einige Bilder von 2014.

Wir wünschen allen Abiturienten 2014 für ihre Zukunft Glück und Zufriedenheit, egal, welchen Weg sie gehen. Und wir hoffen auf ein Wiedersehen am GM!

Aktuelles

Informationen zur 2. Fremdsprachen

Hier finden Sie Informationen zur 2. Fremdsprachen am GM. Hier finden Sie Informationen zur 2. Fremdsprachen am GM.

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FSJlerin / FSJler (Freiwilliges Soziales Jahr) im Sport zum 15. Juli 2017 gesucht!

Das Gymnasium Mellendorf und der Mellendorfer Turn-Verein suchen zum 15. Juli 2017 eine FSJlerin / einen FSJler (Freiwilliges Soziales Jahr) im Sport.

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Frankreichaustausch mit Mantes-la Ville - Nr.5

Am Donnerstagmorgen trafen sich 17 Schüler des 9.Jahrgangs und 2 Lehrerinnen am Bahnhof in Mellendorf. Alle hatten einen mehr oder weniger großen Koffer dabei, vor allem aber waren alle in Vorfreude auf 10 Tage in Frankreich.

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